bjbj(Lemma-ID 54580)

Verifiziert

Hieroglyphische Schreibung: 𓃀𓇋𓃀𓇋𓐎𓏥


Persistente ID: 54580
Persistente URL: https://thesaurus-linguae-aegyptiae.de/lemma/54580


Lemma-Liste: Hieroglyphisch/Hieratisch

Wortklasse: Verb (4-rad.)


Übersetzung

de [krankhafter Zustand in den Gliedern]

en [numbness (?) (med.)]


Bezeugung im TLA-Textkorpus


Belegzeitraum im TLA-Textkorpus: von 1580 v.Chr. bis 30 v.Chr.


Bibliographie

  • Wb 1, 442.10
  • MedWb 243 f.
  • Van der Molen, Dictionary of Coffin Texts, 118
  • vgl. Osing, JEA 64, 1978, 187


Digitale Verweise

Alt-TLA 54580
Digitalisiertes Zettelarchiv 54580
Vocabulaire de l’Égyptien Ancien 1238

Kommentare

bjbj: In pEbers 1,6 (Eb 1) mit dem Mann mit der Hand am Mund klassifiziert, im pHearst (H 78; pHearst 6,9) mit dem sogenannten „schlechten Paket“ und Pluralstrichen. Ein sonst unbekanntes Wort. Im pEbers steht es in syntaktischer Parallele zu ẖnn m jwf=j pn und ist damit substantivisch; im pHearst steht es unmittelbar hinter ẖnn und könnte dort also sowohl substantivisch (in Koordination, als Apposition oder als Nomen rectum) als auch adjektivisch (als Attribut) gebraucht worden sein. Übersetzungen dieses Spruches basieren in der Regel auf pEbers.

Es gibt folgende Übersetzungsvorschläge:
(1) „feebleness (?)“ (Ebbell, Papyrus Ebers, 29).
(2) „Dumpfheit“ (Grundriß der Medizin IV/1, 308).
(3) „Hineinplatzen (?)“ (Fischer-Elfert, in: Papyrus Ebers und die antike Heilkunde, 137).
(4) „gnawing“ (Borghouts, Mag. Texts, 45); „s’enfoncer, mordre (dans les chairs)“ (Meeks, AL, 78.1285); „en rongeant“ (Bardinet, Papyrus médicaux, 40); „Beißen“ (Westendorf, Handbuch Medizin, 547).
(5) Lalanne/Métra, Texte médical du Papyrus Ebers, 11 verzichten auf eine Übersetzung und schreiben nur „le (mal-)bibi“.

Bedeutung (1) scheint nur geraten.
Bedeutung (2) basiert auf Sethe, Erl., zu 47,9, der bjbj mit koptisch ⲃⲁⲁⲃⲉ: „dumm sein; verachten“ vergleicht – eine Vermutung, die letztlich schon auf Stern, in: Ebers, Papyros Ebers, Bd. 2, 11 zurückgeht: „cf. ⲃⲁⲃⲉ, vanus, loquax, insipidus“; vermutlich über loquax kommt Stern für bjbj auf den Vorschlag „incantare“. MedWb 1, 243-244 erwähnt Sethes Vorschlag, distanziert sich jedoch davon, indem es das Lemma nur als „[Krankheit]“ bezeichnet. Zwar verweist MedWb auch auf das koptische ⲃⲁⲁⲃⲉ, aber mit der Bemerkung, dass dieses bei Spiegelberg, Koptisches Handwörterbuch, 15 auf ꜥbꜥb zurückgeführt wird. Tatsächlich erwähnt Spiegelberg bjbj nicht. Dessen ungeachtet findet sich bei Vycichl, Dict. étym., 25 und bei Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 20, jeweils s.v. ⲃⲁⲁⲃⲉ, neben ꜥbꜥb noch ein Verweis auf bjbj.
Bedeutung (3) ist an einen Vorschlag von Osing, in: JEA 64, 1978, 187 angelehnt. Dort schlägt Osing für das Verb bjbj der Sargtexte (Van der Molen, Dictionary of Coffin Texts, 118; mit unvollständiger Schreibung, denn das Wort ist beide Male mit dem Messer klassifiziert) eine Bedeutung „burst in or sim.“ vor. Ferner vermutet er, vergleichbar zum Wb 1, 44.10, im bjbj der medizinischen Texte eine Ableitung davon. Osings Vorschlag zur Bedeutung des bjbj der Sargtexte wiederum basiert vielleicht nur auf seinem Vergleich mit dem Verb bb (CT III, 98g; Van der Molen, Dictionary of Coffin Texts, 120). Für Letzteres steht einmal die Variante ḫnd: „treten, gehen“, weshalb bb trotz seiner Klassifizierung wohl ein Bewegungsverb ist.
Worauf Bedeutung (4) zurückgeht, ist unbekannt. Als Hypothese könnte geäußert werden, dass sie letzten Endes ebenfalls auf dem bjbj der Sargtexte beruht, das einmal mit dem Wort ḫꜣb.w mit Zahnklassifikator wechselt. Dessen genaue Bedeutung ist aber unklar: FECT II, 180 übersetzt es mit „the toothless one“, womit nach 181, Anm. 14 der Verstorbene als Neugeborenes zu sehen wäre. Das bjbj der Variante dagegen „cannot be explained“. Meeks, AL, 78.2932 schreibt zu ḫꜣb.w: „le mot paraît bien signifier ‚nouveau-né‘“, greift also Faulkners Idee auf. Auf dieser Parallele basiert dann auch Meeks’ Bemerkung zum Lemma bjbj, AL 78.1286: „subst pour désigner l’enfant dans le sein de sa mère“.

Denkbare weitere Kognaten oder Derivate von bjbj sind folgende:
– In Tb 133, Kol. 3 in der Version pTurin 1791 gibt es ein Wort bjb, mit einem kleinen Kreis klassifiziert, das als Attribut oder Apposition der Organbezeichnung bsk genannt wird (s. Lespius, Todtenbuch, Taf. 54). Ob der Kontext eine Verbindung dieses bjb mit dem bjbj des pEbers erlaubt, ist unbekannt.
– An möglichen neuägyptischen Ableitungen des bjbj der Sargtexte erwähnt Osing, a.a.O. das bꜣbꜣ.y des pGeneva MAH 15274, Rto. V. 2, das in Verbindung mit dem Herzen erscheint. Für dieses bꜣbꜣ.y schlägt Massart, in: MDAIK 15, 1957, 178, Anm. 7 einen Zusammenhang mit koptisch ⲃⲉⲉⲃⲉ („hervorsprudeln; aufwallen“) vor und erwägt Übersetzungen wie „his heart welling up“, „his heart being poured forth“ und in der Hauptübersetzung dann „his heart melted (?)“. Die Verbindung von bꜣbꜣ.y mit ⲃⲉⲉⲃⲉ findet sich dann, Massart folgend, auch bei Černý, CED, 20 (Černý folgend wiederum bei Vycichl, Dict. étym., 25) und Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, 492. Leitz, in: Fs Westendorf 1994, 112 mit Anm. 57 erwähnt ebenfalls Massarts Vorschlag und übersetzt bꜣbꜣ.y mit „(sein Herz) war in Aufwallung“. Auch Ward, Roots, 96-98 hält einen Zusammenhang von bꜣbꜣ.y mit ⲃⲉⲉⲃⲉ für möglich, zumindest mit der transitiven Bedeutung von ⲃⲉⲉⲃⲉ: „pour forth“; er sieht in ersterem ein Kognat der Wurzel bꜣ IV und verbindet es mit der semitischen Wurzel blbl: „confuse, agitate“: „(his heart) agitated“. Mögliche Zusammenhänge mit den Wörtern der Sargtexte oder dem Krankheitsphänomen des Ebers diskutiert Ward nicht. Osing, a.a.O. scheint einen Zusammenhang mit ⲃⲉⲉⲃⲉ eher abzulehnen. Explizit abgelehnt wird eine Abhängigkeit von bjbj und bꜣbꜣ.y dann von Fischer-Elfert, in: Papyrus Ebers und die antike Heilkunde, 137, Anm.19, allerdings ohne Begründung.
– Als weiteres möglicherweise mit dem bjbj und/oder bb der Sargtexte verwandtes oder davon abgeleitetes Wort sollte das Verb bbw mit Messer und schlagendem Arm genannt werden, das in der Erzählung von Herischef und Merire, pDeM 39 Rto. 1 in leider zerstörtem Kontext erscheint. Sauneron/Koenig, in: Vercoutter, Livre du centenaire 1880-1980, 137, Anm. a verglichen das Verb mit dem demotischen bbꜣ: „Jagd o.ä.“ (Erichsen, Glossar, 115) oder brbr: „jagen“ (ebd., 119).
– Das demotische bbꜣ ist nicht nur von Sauneron/Koenig, a.a.O. mit dem bbꜣ des pDeM 39 verknüpft worden, sondern von Černý, CED, 20 auch mit dem bꜣbꜣ.y des pGeneva MH 15274 bzw. dem koptischen ⲃⲉⲉⲃⲉ. Černý gibt als Übersetzungsvorschlag für bbꜣ: „well up“. Ward, a.a.O. 98-101 macht die Bedeutung „overflow“ wahrscheinlich: bbꜣ und brbr sind Varianten desselben Textes; und in älteren Bearbeitungen sei brbr als die richtige Lesung und dessen Bedeutung, basierend auf Koptisch ⲃⲉⲣⲃⲓⲣ: „Wurfspeer“, als „jagen; Jagd“ geraten worden. Ward nimmt dagegen die Variante bbꜣ als möglicherweise korrekt an und sieht dieses, wie schon Černý, als Derivat oder Kognat von bꜣbꜣ.y. Thissen, in: TUAT III.2, 287 und Vittmann im TLA bleiben dagegen bei „jagen“, Hoffmann/Quack, Anthologie, 246 denken an „aufwühlen“. Für das bjbj des pEbers ergibt sich nichts. Osing, a.a.O. möchte das demotische Wort dagegen bei der Diskussion außen vor lassen, weil der Kontext zerstört ist.
– Das koptische ⲃⲉⲉⲃⲉ käme nach der skizzierten Diskussion nur dann als Derivat infrage, wenn die von Osing vorgeschlagene und von Fischer-Elfert abgelehnte Abhängigkeit von bjbj und bꜣbꜣ.y, und/oder wenn (vielleicht über das neuägyptische bbw) ein Zusammenhang von bjbj und (entgegen Osing) dem demotischen bbꜣ bestünde.

L. Popko, 05. November 2019.

Autor:in des Kommentars: Strukturen und Transformationen; Datensatz erstellt: 05.11.2019, letzte Revision: 12.09.2022


Editor:innen: Altägyptisches Wörterbuch
Datensatz erstellt: vor Juni 2015 (1992–2015), letzte Revision: 20.11.2020
Redaktionsstatus: Verifiziert

Bitte zitieren als:

(Vollzitation)
"bjbj" (Lemma-ID 54580) <https://thesaurus-linguae-aegyptiae.de/lemma/54580>, ediert von Altägyptisches Wörterbuch, in: Thesaurus Linguae Aegyptiae, Korpus-Ausgabe 18, Web-App-Version 2.1.5, 26.7.2024, hrsg. von Tonio Sebastian Richter & Daniel A. Werning im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Hans-Werner Fischer-Elfert & Peter Dils im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Zugriff am: xx.xx.20xx)
(Kurzzitation)
https://thesaurus-linguae-aegyptiae.de/lemma/54580, in: Thesaurus Linguae Aegyptiae (Zugriff am: xx.xx.20xx)